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„Den Jugendlichen, aber nicht sein Verhalten annehmen!“

  • Die beiden Alexianer-Expertinnen Dr. Sylvia Boschin (l.) und Julia Uhlendorff erläuterten den knapp 100 Interessierten unter der Moderation von WN-Redakteur Stefan Werding Auswege bei selbstverletzendem Verhalten.
11.10.17, Münster
Alexianer Münster GmbH

Alex Talk: Dr. Sylvia Boschin und Julia Uhlendorff erläuterten rund 100 Interessierten das Thema Selbstverletzungen.

In der Notsituation scheinen sie wie ein Ventil und eine Erlösung von unerträglichen inneren Spannungen: "Menschen, die sich selbst verletzen, sehen oft keine anderen Ausweg, ihren seelischen Schmerz auszuhalten", erklärte Dr. Sylvia Boschin.

Die Oberärztin der Alexianer Don Bosco Klinik und ihre Stationskollegin Julia Uhlendorff haben in ihrem Klinikalltag schon viele Facetten von selbstverletzendem Verhalten kennengelernt und doch sei jeder Fall anders: "Das regelmäßige Ritzen, Schneiden, Verbrennen oder sonstige selbstverletzende Verhalten ist niemals als eigene Symptomatik zu sehen, sondern steht immer in Zusammenhang mit einer seelischen Erkrankung", betonten die Expertinnen beim jüngsten Alex Talk. Nach einer deutschen Schulstudie verletzen sich vier Prozent der Neuntklässler regelmäßig, elf Prozent sogar gelegentlich am eigenen Körper und die Dunkelziffer geht noch von weitaus mehr Betroffenen aus.

Doch warum beginnen die Jugendlichen meist im Alter zwischen 12 und 14 Jahren mit diesem für jeden Außenstehenden nahezu unerträglichen Verhalten? "Sie reagieren damit auf innere oder auch zwischenmenschliche Spannungszustände", erklärt die Kinder- und Jugendärztin Sylvia Boschin. Angefangen von Selbsthass, als Mittel gegen Depressionen und Kontrollverlust oder zur Ablenkung von unerträglichen Gefühlen bis hin zur Einstufung des selbstverletzenden Verhaltens als Teil der eigenen Identität könne das Verhalten viele Funktionen erfüllen. "Manchmal ist es für die Betroffenen auch ein Weg, überhaupt wieder etwas zu spüren, weil sie jegliche normale Gefühlswahrnehmung verloren haben", unterstreicht die Expertin. Dagegen könne das Selbstverletzen im zwischenmenschlichen Kontext auch schlichtweg die Flucht vor sozialer Überforderung, der Wunsch nach Zuwendung oder aber auch ein Warnsignal sein mit der Aufforderung: "Hilf mir, ich hab` keine Worte für mein Leid". Gerade mit der konkreten Hilfe seien die Eltern und Angehörigen aber oft hoffnungslos überfordert, denn: "Eltern haben ein Grundbedürfnis, ihre Kinder zu schützen. Somit geraten sie bei jeder weiteren Selbstverletzung in einen unausweichlichen Konflikt und sind selbst emotional sehr mit der Situation belastet!"

Bei regelmäßigen Selbstverletzungen, die es auch von pubertären und entwicklungspsychologisch geprägten Phasen abzugrenzen gelte, sei es daher sehr ratsam, sich so früh wie möglich professionelle Hilfe zu holen. Doch ob zuhause oder auch später im Klinikalltag, in jedem Fall erachten es die Expertinnen für unabdingbar, stets die Selbstbestimmung der Patienten zu respektieren, denn nur auf diesem Wege erreiche man eine nachhaltige und eigenständige Besserung des Verhaltens. "Versuchen Sie, ruhig, gelassen und mitfühlend zu reagieren und Ihr Kind, nicht aber dessen Verhalten anzunehmen", riet Sylvia Boschin. Ablenkung durch geistige und kreative Aktivitäten, den Abbau der Spannungszustände über Sport oder bestimmte Ersatzhandlungen und auch wieder lernen, sich etwas Gutes zu tun, benannten die Experten neben der intensiven Diagnostik und Psychotherapie als Bausteine der ergänzenden Behandlung.

 "Das Leid in der Familie ist groß und die Schuldfrage oft ein großes Thema. Umso hilfreicher erleben wir den Austausch mit anderen betroffenen Familien", skizzierte Boschin abschließend eine weitere Erfahrung im Klinikalltag.

Pressekontakt:

Alexianer Münster GmbH
Anja Große Wöstmann
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