Zeit schenken: Ehrenamt bei den Alexianern

Vorlesen, einen Ausflug machen, gelernte Fertigkeiten erhalten – einfach da sein! Unsere ehrenamtlichen Helfer sind große Stützen im Alltag und bereichern das Zusammenleben mit unseren Bewohnern und Patienten. Beispielhaft wollen wir hier die Geschichte von unserem Mitarbeiter Uwe Holtgreve vorstellen, der 2018 sogar den Ehrenamtspreis der Caritas im Bistum Münster erhielt.

Durch das große Sicherheitstor bei Münster-Amelsbüren geht kaum jemand in seiner Freizeit. Das hat seinen Grund: Es gehört zur Sicherheits-Schleuse der forensischen Christophorus Klinik der Alexianer. Mehrere Meter hohe Zäune mit Stacheldraht und Überwachungskameras umlaufen das Areal, auf dem etwa 50 intelligenzgeminderte Patienten wohnen, die schwere Straftaten begangen haben.

Pfleger, Ärzte und Therapeuten gehen beruflich durch dieses Tor. Angehörige und Freunde der Patienten weniger – oft haben sie Beziehungen beendet. Ein anderer hat sie aufgenommen. Freiwillig, in seiner Freizeit, aus eigenem Antrieb: Uwe Holtgreve kommt zweimal die Woche, um mit den Patienten ein Café zu organisieren. „Es sind keine Monster, denen ich hier begegne, sondern Menschen“, sagt er.

„Du kriegst viel mehr zurück“

Am Donnerstagnachmittag warten zwei Patienten und backen mit ihm. Das hat er gelernt. Er ist Koch und war lange Zeit in einem Restaurant der gehobenen Küche angestellt. Vor sechs Jahren aber wechselte der heute 52-Jährige zu den Alexianern und wurde Leiter einer Gruppe mit Menschen mit psychischen Behinderungen, die im hauswirtschaftlichen Bereich arbeiten. Der Grund waren auch hier die Menschen: „Du kriegst viel mehr zurück als von einem Gast, dem das Schnitzel schmeckt.“

Das erlebt er auch, wenn er jeden Freitagnachmittag in die Christophorus-Klinik geht, um das tags zuvor Gebackene im zentralen Gemeinschaftsraum zu verkaufen. Dazu gibt es Kaffee und kalte Getränke. Etwa 20 Patienten kommen immer.

Haben diese Menschen das verdient?

Viele Gespräche entwickeln sich an den Tischen oder beim Kicker-Spiel. „In diesen Momenten erlebe ich sie als Menschen mit oft schwerer Vergangenheit, die froh sind, einmal aus ihrem eng getakteten Alltag aus Therapie und Sicherheitsmaßnahmen herauszukommen.“

Haben diese Menschen das verdient? Die Frage kennt Holtgreve. Jeden Morgen erinnern ihn die Plakate einiger Anwohner daran, die fordern, den Freigang von Patienten zu verbieten. „Für den Blick von außen ist das verständlich“, sagt Holtgreve. „Da stehen Ängste im Vordergrund.“ Die Vergehen der verurteilten Täter sind massiv. Eine Lobby haben sie nicht.

Wichtige Vertrauensperson

Trotzdem kommt Holtgreve jede Woche. Nachdem ihn ein Werkstattleiter vor gut fünf Jahren ansprach, hospitierte der Koch zwei Tage in der forensischen Klinik. Danach war für ihn klar, dass er regelmäßig wiederkommen wollte. „Natürlich war anfangs auch ein wenig Neugier dabei, um was für Menschen es sich hier handelt“, sagt er. Holtgreve erfuhr viel über ihre Lebensgeschichten, ihre Gedanken und auch ihre Ängste. „Dabei trat ihr Krankheitsbild immer mehr in den Vordergrund.“

Was dieser Kontakt für die Patienten bedeutet, kann er kaum abschätzen. „Etwas Normalität“, sagt er. „Viel mehr“, sagen die Seelsorger der Einrichtung, Pastoralreferentin Jutta Kasberg und Pfarrer Bernhard Hertwig. „Er ist zu einer wichtigen Vertrauensperson geworden.“

Gerade die Patienten mit Migrationshintergrund, die nicht gut Deutsch sprächen, könnten nur über das gemeinsame Essen und Spielen in Kontakt zu anderen treten. Auch für einen taubstummen Insassen sei das wichtig. „Mit seinem Angebot leistet Uwe Holtgreve auch einen wichtigen Beitrag zur Verständigung und gegenseitigen Annahme der Patienten untereinander.“ Er ist bis heute der einzige, der sich in seiner Freizeit diesem Anliegen widmet.

Michael Bönte, Redaktion Kirche + Leben, mit freundlicher Genehmigung.


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