Ein neues Zuhause: Westfälische Pflegefamilien

Der Bereich der familiären Unterbringung von Kindern und Jugendlichen existiert im Martinistift seit vielen Jahren. Im Verbundsystem der Westfälischen Pflegefamilien (WPF), das über das Landesjugendamt Münster koordiniert wird, arbeiten wir seit 1995 mit.

    Westfälische Pflegefamilien sind konzipiert für Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer belasteten Biografien mit zahlreichen traumatischen Erfahrungen, ihrer aktuellen Probleme mit sich und ihren Bezugspersonen und wegen der Unfähigkeit der Herkunftsfamilie, Versorgung und Erziehung angemessen sicherzustellen, dauerhaft einen neuen Lebensort benötigen. Die Kinder, die bei der Aufnahme in der Regel im Kindergarten- oder Grundschulalter sind, bedürfen eines auf Beständigkeit ausgerichteten familiären Bezugsrahmens, um emotionale Sicherheit erlangen und korrigierende Erfahrungen zulassen zu können. Jugendliche in Westfälischen Pflegefamilien sollen einen verlässlichen „Partner in der Entwicklung“ zur Verfügung gestellt bekommen, der neben Orientierung und Halt auch Unterstützung in der Verselbstständigung bietet.

    Die Grundidee

    Durch die Auswahl kompetenter Familien und deren Unterstützung durch intensive Vorbereitung und kontinuierliche Beratung werden Familien (-systeme) gestärkt. So soll die familiäre Unterbringung auch von Kindern und Jugendlichen ermöglicht werden, deren Vermittlung sich aufgrund ihres Alters, ihrer Lebensgeschichte oder ihrer aktuellen Probleme im sozialen und emotionalen Bereich schwierig gestaltet.

    Familien, Ehepaare oder auch Einzelpersonen nehmen in der Regel ein Kind in ihren Haushalt auf und integrieren es in ihren Alltag. Die individuellen Fähigkeiten der Familien, ihre Ressourcen aber auch ihre Grenzen, geben den Ausschlag für die Frage, welches Kind / welcher Jugendliche Aufnahme finden kann mit seinen jeweiligen Anforderungen.

    Die Familien müssen sich einlassen können auf eine Veränderung des Gewohnten, müssen sich auszeichnen durch Toleranz gegenüber Unbekanntem bei gleichzeitiger Sicherheit in ihrer eigenen Position. Belastbarkeit und Durchhaltevermögen aller Familienmitglieder sind ebenso wichtige Voraussetzungen wie die Fähigkeit, Beweggründe für das Verhalten des Pflegekindes nachvollziehen zu können und eigenes Verhalten nicht an persönlicher Betroffenheit zu orientieren.

    Neben diesen eher persönlichen Voraussetzungen sind eigene Erfahrungen im Umgang mit Kindern eine wesentliche Voraussetzung. Unterschieden wird zwischen Familien,

    • die aufgrund ihrer individuellen Voraussetzungen und eigenen Erfahrungen in der Lage sind, ein traumatisiertes Kind zu sich zu nehmen (Familien mit besonderer Eignung)
    • und Familien, die zusätzlich einschlägige berufliche Erfahrungen einbringen können durch eine pädagogische oder psychologische Ausbildung und Berufserfahrungen mit Kindern (Familien mit professioneller Qualifikation). Hierzu zählen auch Personen mit medizinischem Hintergrund, z.B. aus pflegerischen Berufen, die ein Kind aufnehmen möchten, das eine Behinderung hat.

    Neben den besonderen Eignungen aller Familienmitglieder soll durch ein dichtes Beratungssetting Unterstützung und Begleitung gegeben werden, so dass die Aufnahme von betreuungsintensiven Kindern möglich wird. Die Beratung organisiert sich durch ein enges Netz an Unterstützungsmaßnahmen:

    • kontinuierliche Einzelberatung: regelmässige Termine in der Pflegefamilie. Zusätzliche Unterstützung und Entlastung in Krisen
    • Elternarbeitskreis: Zusammenkünfte der Pflegeeltern (z.B. Stammtisch, Fortbildung, Supervision) soll den Austausch unter den „Kollegen“ fördern, Information und Entlastung bieten
    • Fortbildungsveranstaltungen: Vorträge und Fachtagungen in Kooperation mit anderen Einrichtungen und Diensten
    • telefonische Erreichbarkeit der Fachkraft auch außerhalb der Bürozeiten
    • zeitnahe Beratung und Unterstützung bei Krisen
    • Einzelkontakte zu den Pflegekindern

    Die Intensität der Beratung ist festgelegt auf 10 bzw. 15 Pflegeverhältnisse pro Fachkraft, so dass ein unmittelbares Reagieren auf situative Gegebenheiten und eine auch vorausschauende, präventive Blickrichtung in der Beratungsarbeit möglich wird. Der Fokus der Beratung richtet sich einerseits auf das Pflegekind und seine psychosoziale Situation. Andererseits haben die lebensgeschichtlichen und aktuellen Bezüge (Herkunftsfamilie, Pflegefamilie) im Sinne einer systemischen Sichtweise einen wichtigen Stellenwert.

    Neben der besonderen Situation des Pflegekindes und seiner Lebensgeschichte stehen seine aktuellen Bezüge im Mittelpunkt der Beratung.

    Nach einer grundsätzlichen Abklärung von Anforderungen und Erwartungen geht es in einem weiteren Schritt um die Vorbereitung der Bewerber auf die Aufgabe, die als Pflegefamilie auf sie zukommt. Neben der Vermittlung von Wissen um rechtliche und pädagogisch-psychologische Aspekte steht die Frage nach der Motivation zur Aufnahme eines Pflegekindes im Vordergrund. Ergänzt durch die individuellen Fähigkeiten und Grenzen der Familienmitglieder ist dies eine zentrale Bestimmungsgröße für die Erstellung eines Profils des Pflegekindes.

    Die vorbereitende Arbeit mit den Bewerbern ist einzeln oder in der Gruppe. Am Ende der Vorbereitungsphase zeichnet sich ab, welches Kind zu der Bewerberfamilie passt.

    Die Aufnahme des Kontaktes zum Pflegekind muss sich sehr behutsam in kleinen Schritten vollziehen. Im Zentrum steht die Fähigkeit des Kindes, sich angstfrei auf die neuen Beziehungen einlassen zu können. Die einzelnen Schritte der Anbahnung werden davon bestimmt, was das Pflegekind sich zutraut, was es einfordert.

    Die Familie und das Kind bekommen in den Kontakten viel Sicherheit, bis beide Seiten sich ein Zusammenleben vorstellen können.

    Die leiblichen Eltern des Pflegekindes spielen eine wichtige, aber sehr unterschiedliche Rolle während der gesamten Dauer des Pflegeverhältnisses. Selbst wenn die Kinder keinen aktuellen Umgang mit den Kindeseltern haben, spielen sie in der Gedankenwelt des Pflegekindes noch eine wichtige Rolle.

    Pflegefamilien müssen sich klar sein darüber, dass sie immer ein Pflegekind mit seiner Geschichte sowie seinen Erlebnissen und Erfahrungen aus familiären Bezügen aufnehmen und sich damit auf unterschiedlichste Art und Weise auseinandersetzen müssen. Regelmäßige Umgangskontakte mit den leiblichen Eltern werden in aller Regel von den Berater/innen begleitet.

    Die Westfälischen Pflegefamilien sind ein auf Dauer angelegtes familiäres Hilfsangebot, in der Regel bis zur Volljährigkeit des Pflegekindes. Die Verselbstständigung aus der Pflegefamilie heraus ist Ziel, wenn nicht von vorne herein eine zeitliche Befristung festgelegt wurde. Über die Volljährigkeit hinausgehende Hilfen sind in Einzelfällen möglich.

    Die Aufnahme eines Pflegekindes wird angemessen finanziell vergütet. Es handelt sich um pauschale, einkommenssteuerfreie Beträge, die evtl. durch Kindergeld ergänzt werden. Zusätzlich gibt es Beihilfemöglichkeiten, etwa bei Klassenfahrten, Einschulung, Kommunion oder Konfirmation. Zusätzlich gewähren die Jugendämter Beiträge zur Alterversicherung und Unfallversicherung.


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