Optimale Betreuung und Förderung

In der Christophorus Klinik werden 54 straffällig gewordene, intelligenzgeminderte Patienten behandelt, bei denen das Gericht eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gemäß § 63 StGB angeordnet hat. Die Patienten sind ausschließlich männlich.

Für jeden Patienten wird ein individuelles, seinen intellektuellen Fähigkeiten angepasstes Behandlungsprogramm erstellt. Langfristiges Ziel ist es, den Patienten auf ein Leben außerhalb der forensischen Klinik vorzubereiten, ohne dass er in straffälliges Verhalten zurück verfällt.

In der Christophorus Klinik arbeiten viele Bereiche interdisziplinär zusammen: Ärzte, Psychologen, Gesundheits- und Krankenpfleger, Heilerziehungspfleger, Ergo-, Sport- und Bewegungstherapeuten sowie Seelsorger. Nur durch intensiv gestaltete Kommunikation zwischen allen Mitarbeitern ist es möglich, jeden Patienten individuell optimal zu betreuen und zu fördern. Jede den Patienten betreffende Entscheidung wird gemeinsam in einem multiprofessionell besetzen Team getroffen. Somit ist ausgeschlossen, dass jede noch so wichtige Information über den Patienten, etwa der Status seines Therapieverlaufs oder sein Befinden, verloren geht.

Die im Gesetzestext vorgegebenen Hauptaufgaben des Maßregelvollzugs, „Besserung und Sicherung“, stehen gleichbedeutend nebeneinander. Sie sind untrennbar miteinander verbunden: Durch Therapie soll Sicherheit geschaffen werden. Den Patienten wird mit einer psychotherapeutischen Grundhaltung begegnet. Dies bedeutet, dass der Einzelne nicht allein auf seine Straftaten reduziert wird, sondern auch seine individuellen Stärken Berücksichtigung finden und in die Therapie integriert werden. Unterstützt wird die Therapie unter anderem durch die Bezugspflege in der Gesundheits- und Krankenpflege. Die jeweiligen Behandlungsangebote wie Gesprächstherapie, gruppentherapeutische Maßnahmen, schulische Förderung, Sport und Ergotherapie (u.a. Gartengruppen, Arbeit mit Tieren) sind eingebettet in eine unter milieutherapeutischen Überlegungen gestaltete Architektur.

Die Therapiefortschritte gestalten sich erfahrungsgemäß unterschiedlich schnell und werden stets unter Berücksichtigung der individuellen Gefährlichkeitseinschätzung gewichtet. Die Behandlungsmaßnahmen enden jedoch nicht am Klinikzaun: Denn langfristige Sicherheit ist nur durch eine professionelle forensische Nachsorge zu erzielen. Daher bleiben wir auch nach der Entlassung ein wichtiger Ansprechpartner für unsere Patienten wie auch für die sie nach der Entlassung betreuenden Therapeuten und Bewährungshelfer.

Die Klinik ist gegliedert in die drei Stationen „Agnes“ (Therapiestation), "Katharina von Siena" (Therapiestation) und "Edith Stein" (Rehabilitationsstation) mit je 18 Patienten. Während die Stationen Agnes und Katharina in je zwei Behandlungsbereiche mit klassischen Krankenhausabläufen aufgeteilt sind, wird auf der Station Edith Stein ein Wohngruppenkonzept mit drei Wohnbereichen organisiert.

Die Pforte: Die Klinik ist nur durch den zentralen Pfortenbereich zu betreten, der die gesamte Sicherheitstechnik beinhaltet und rund um die Uhr besetzt ist. Besucher melden sich hier an und werden von Mitarbeitern der Stationen abgeholt. Persönliche Gegenstände können in Schließfächern verwahrt werden.

Die Verwaltung: In diesem Gebäude befinden sich die Diensträume der Klinikleitung sowie der Seelsorge und der Ambulanz. Ein weiterer Behandlungsraum ist mit einem Zahnarztstuhl ausgestattet. Bei Bedarf können auch kleinere chirurgische und internistische Untersuchungen sowie Erste-Hilfe-Maßnahmen vorgenommen werden. Dies ist aus Sicherheitsgründen sinnvoll, damit nicht jeweils eine Ausführung für eine externe Behandlung notwendig ist. Der Konferenzraum kann aufgrund der umfangreichen Kommunikationstechnik zugleich für den Einsatz eines Krisenstabes genutzt werden. An der Rückseite dieses Gebäudes sind zwei Appartements mit jeweils separaten Eingängen angegliedert. Hier können Angehörige für kurze Zeit wohnen oder auch im Rahmen des therapeutischen Wohnens Belastungsgrenzen von Patienten getestet werden.

Die St. Christophorus Kapelle: Sie wurde im Mai 2011 durch Bischof Felix Genn geweiht und der Altar mit einer Reliquie des „Löwen von Münster“, Clemens August Kardinal von Galen, versehen. Als Ort der Stille und der Besinnung bietet sie den Patienten und den Mitarbeitern Raum und wird für die regelmäßig stattfindenden Gottesdienste unter den Augen der Heiligen Maria und des Heiligen Christophorus genutzt. Direkt an sie angeschlossen ist die Mehrzweckhalle für Sporttherapien und Veranstaltungen.

Die Werkstatt: Sie umfasst verschiedene Räume für ergotherapeutische Maßnahmen. Je nach Fähigkeiten der Patienten soll die Arbeitszeit individuell gestaltet werden. Dieser Bereich stellt einen elementaren Bestandteil des therapeutischen Konzepts dar. Er dient nicht allein der Tagesstrukturierung, sondern auch der Belastungserprobung und ist somit als Grundstein für eine realistische Vorbereitung auf das Leben nach der Maßregel zu verstehen. So können hier zum Beispiel Holz- und Metallarbeiten verrichtet werden, aber auch Gartengestaltung und Tierhaltung werden angeboten. Die Werkstatträume sind flexibel gestaltet und können beispielsweise auch für industrielle Fertigung problemlos umgerüstet werden

 

Was passiert mit Patienten, die die Christophorus Klinik verlassen? Wir haben einen Patienten in seiner Wohneinrichtung besucht:

Es ist Freitag. Freitags packt Carsten Schlamann seine Unterlagen zusammen, setzt sich in einen blauen Skoda und bricht auf ins Sauerland. Der junge Münsteraner ist Sozialarbeiter und Teil des Ambulanz-Teams der Alexianer Christophorus Klinik. Auf seiner Liste steht heute der Besuch bei Herrn R., der lange Jahre Patient in der Forensischen Klinik war. Seit Ende Januar 2019 ist Herr R. nun in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung und psychischer Erkrankung im Sauerland zuhause. Er befindet sich in Langzeitbeurlaubung. Seine therapeutischen Fortschritte und seine gute Prognose haben das ermöglicht. Die aufsuchende Arbeit der Klinik-Ambulanz ist ein wichtiger Baustein bei der Resozialisierung von Forensik-Patienten. Motor an, und los geht es.

Die Autobahnen sind frei, das Durchkommen ist kein Problem. Im Sauerland angekommen, geht es noch einige Kilometer über holprige Landstraßen und durch kleine Dörfer. Carsten Schlamann und seine Kollegen fahren mehrfach in der Woche hunderte Kilometer, um ehemalige Patienten der Klinik zu besuchen. Bis zu zwei Jahre dauert diese engmaschige Nachsorge, bis zu fünf Jahre kann die Führungsaufsicht andauern. Anfangs gibt es wöchentliche Besuche, später wird der Abstand größer. Das hängt auch immer vom Vorankommen des Patienten ab.

Angekommen in dem großen Wohnhaus, das einst Feriengäste beherbergte und nun für zwölf Menschen mit Behinderungen ein Zuhause ist, wartet Herr R. schon hinter dem Fenster im Gemeinschaftsraum. Er hat gebacken: „Kalte Schnauze“. Ein süßer Kuchen aus Keksen, Kokosfett und Schokolade. Bevor er in den Maßregelvollzug überstellt wurde, hat er gerne gekocht und arbeitete sogar in einer Schiffsküche. „Hier freuen sich alle, wenn ich meine Nudelpizza mache“, erzählt er stolz.

Noch Jahre unter Aufsicht

Die Betreuer der Wohneinrichtung, Herr R. und der Sozialarbeiter nehmen am großen Tisch Platz. Heute steht die Behandlungsplankonferenz auf dem Programm. Dabei werden Rück- und Ausblicke gemacht, wie und ob der Patient gut zurechtkommt, welche Ziele er hat. Da Herr R. erst wenige Tage in der Einrichtung lebt, geht es heute nur um seine Perspektiven. Die Umgebung ist freundlich und heimelig, trotzdem bleibt der Ton ernst, die Rollen sind klar: Herr R., 66 Jahre alt, ist ein Täter. Auch, wenn er die Klinik verlassen konnte, ist er nach wie vor ein Patient, er ist langzeitbeurlaubt. Während seiner Zeit hinter dem hohen Zaun – zunächst in Eickelborn, später in Amelsbüren – hat er sich mit seiner Tat auseinandersetzen müssen, besuchte Therapien, wurde medizinisch betreut und machte sehr gute Fortschritte. Nach etwa zwei Jahren kann eine bedingte Entlassung folgen, danach bleibt er vermutlich noch mehrere Jahre unter Führungsaufsicht. Erst wenn diese beendet ist, ist er frei.

Der schlanke Herr wirkt freundlich, interessiert, etwas aufgeregt. Er hat sich extra schick gemacht, die Haare gegelt. Dennoch bleibt Carsten Schlamann, ebenso wie die beiden diensthabenden Betreuer vor Ort, bei seiner Linie: Auch in der neuen Einrichtung darf Herr R. noch nicht alleine Ausgang erhalten. Das hat Gründe. Er muss sich einleben, sich einordnen, und vor allem muss er weiter lernen, sich und seine Tat zu reflektieren, persönliche Konsequenzen daraus abzuleiten. Etwa, bestimmten Situationen aus dem Weg zu gehen und sich Hilfe zu holen. Das klappt noch nicht immer, denn Herr R. neigt dazu, sich und seine Fertigkeiten zu überschätzen.

Anfang gemacht

Doch ein Anfang ist gemacht. Herr R. kommt sehr gut mit den Mitbewohnern aus, was auch die Betreuer bestätigen. Gerne würde er sich mehr einbringen, den Garten gestalten. „Ich würde gerne vorwärts kommen“, sagt er. „Ich will zeigen, dass ich alleine zurechtkomme“. Freiwillig übernimmt er verschiedene Aufgaben im Haushalt, geht den hausinternen Freizeitangeboten nach, bringt sich in das Zusammenleben ein. Dass er Ordnungssinn hat, zeigt sich in seinem Zimmer: adrett sind Hemden und Shirts gefaltet, das Bett ist gemacht, in der kleinen Vorratskammer stehen Lebensmittel in Reih und Glied. In seiner Freizeit näht er gerne an der Nähmaschine und malt.

„Wir gehen das langsam an“, sind sich Betreuer und Sozialarbeiter einig. Schon oft haben alle erlebt, dass der anfängliche Enthusiasmus, der mit einem Umzug einhergeht, abebbt. Die Motivation aufrecht zu erhalten, ist eines der Ziele, die Herr R. bis zum nächsten Behandlungsplangespräch in sechs Monaten erreichen soll. Vielleicht klappt es dann auch mit mehr Freiheiten, denn klar ist: Die Therapie eines Rechtsbrechers endet nicht am Kliniktor. Bis nächsten Freitag!

 

Mit "Amelie" und "Miss Bacon" sind Ende des Jahres 2018 die ersten zwei Schweine in die Klinik eingezogen. Ein fundiertes Konzept, fachliche Beratung und Schulung und der Bau von Stall, Lagerräumen und Weide gingen der Anschaffung der beiden Ferkel voraus. Das alles haben Patienten und Mitarbeiter in Eigenregie gemacht!

Die Schweine in der Forensik sind nicht zur Fleischgewinnung gedacht. Erstens unterstützen wir damit den Erhalt der seltenen Rasse "Rotbuntes Husumer Schwein". Zweitens sind die Schweine ein Baustein in unserem Therapiekonzept. Verantwortung für ein Lebewesen übernehmen, Ordnung halten, für Sauberkeit sorgen und auch Ruhe ausstrahlen, um dem Tier Sicherheit zu geben - das sind Fähigkeiten, die viele unserer Patienten erst erlernen müssen. Dies gelingt im Umgang (fachlich angeleitet) mit einem Tier optimal.

Außerdem tritt ein Tier jedem Menschen vorbehaltlos gegenüber. Das Tier bewertet nicht, ob jemand groß oder klein ist, intelligenzgemindert oder nicht - auch nicht, ob jemand durch das soziale Netz gefallen ist. 

Für die Patienten bedeuten der Bau des Stalls und die Pflege der Schweine Erfolgserlebnisse, Bestätigung und der tägliche Blick auf ein Projekt, das sie selbst mit gestaltet haben. Auch Misserfolge, wie etwa fehlendes Vertrauen und wie man es wieder herstellt, lassen sich mithilfe der Tiergestützten Aktivitäten erleben und bearbeiten.

Zudem besuchen uns regelmäßig auch andere Tiere zur Tiergestützten Therapie. Pferde, Hühner, Katzen, Hunde und auch Schnecken bergen verschiedene Ansätze in sich, um mit den Patienten therapeutisch zu arbeiten. So fordert etwa die Achatschnecke Ruhe ein, das Pferd muss selbstsicher geführt werden, der Hund freut sich über Streicheleinheiten und kleine Aufgaben.

Wie in allen Bereichen, in denen Menschen mit Menschen arbeiten, kann es zu Krisensituationen kommen. Wird ein Mitarbeiter der Christophorus Klinik im Dienst physisch oder psychisch durch Patienten beeinträchtigt, kann er sich an unser speziell geschultes Team wenden: Das Team der Kollegialen Hilfe.

Dieses Team setzt sich zusammen aus Mitarbeitern der Christophorus Klinik, die nicht nur das klinische und berufliche Umfeld, seine Besonderheit, sondern auch die Patienten sehr gut kennen. Der Mitarbeiter ist in seiner Belastungssituation nicht alleine!

Darüber hinaus öffnen wir unsere Klinik regelmäßig für interne Fortbildungsmöglichkeiten der Alexianer. So können Kollegen aus unserem gesamten Alexianer-Verbund – auch fachfremde – von unseren Erfahrungen profitieren (z.B. Deeskalation, Diagnostik, Pädagogik, Aktuelles). Alle Fortbildungen werden von Mitarbeitern durchgeführt.

Weitere Informationen zur Kollegialen Hilfe.


nach oben