Bindungsstörungen
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Bindungsstörungen können unter den unterschiedlichsten Voraussetzungen entstehen, wenn Kinder in den ersten Lebensjahren keine sichere emotionale Beziehung zu einer Bezugsperson aufbauen konnten – zum Beispiel zu den Eltern, Großeltern oder anderen wichtigen Menschen. Eine sichere Bindung ist für Kinder von entscheidender Bedeutung, denn sie gibt ihnen Geborgenheit, Vertrauen und Sicherheit. Eine sichere Bindung hat über die anfängliche Schutzfunktion des Säuglings hinaus eine wichtige Stütz- und Rahmenfunktion für die Entwicklung von Fähigkeiten zur Erregungs- und Emotionsregulation, zur Aufmerksamkeitssteuerung sowie von sozial-emotionalen Fertigkeiten, denn Bindungserfahrungen beeinflussen maßgelblich das Selbstbild sowie die Erwartungshaltung in Bezug auf andere. Sie stellt damit ein wichtiges Fundament für die Persönlichkeitsentwicklung dar.
Wenn Kinder schlechte oder gar traumatische Erfahrungen durchlaufen, wie zum Beispiel viele Wechsel der Bezugspersonen oder fehlende Zuwendung, Vernachlässigung oder Gewalt, kann das ihre Befähigung langfristig beeinträchtigen, stabile Beziehungen zu anderen aufzubauen und/oder zu halten. Sie zeigen dann mitunter Schwierigkeiten dabei, Vertrauen aufzubauen, mit Nähe sowie dem Wunsch nach Nähe umzugehen oder sich in Beziehungen angemessen zu verhalten. Hierdurch können sich verschiedene, relativ konsistente Verhaltensmuster in sozialen Beziehungen ergeben:
- Reaktive Bindungsstörung: Die betroffenen Kinder zeigen gehemmtes oder sozial zurückgezogenes Verhalten gegenüber einer erwachsenen Bezugsperson, bspw. suchen sie selten oder nur wenig Trost und sie reagieren auch weniger auf Trost. Zudem weisen sie eine begleitende emotionale Störung auf, welche stark von Veränderungen in ihren äußeren Lebensumständen beeinflusst wird. Es kann zu Ängstlichkeit, Traurigkeit oder Reizbarkeit kommen, die nur schwer zu beruhigen sind. Andererseits werden mitunter Aggressionen gegen sich oder andere gezeigt sowie ein generelles Unglücklichsein. Soziale Kontakte zu Gleichaltrigen sind vergleichsweise gering ausgebildet.
- Beziehungsstörung mit Enthemmung: Betroffene Kinder zeigen sich häufig stark klammernd sowie bindungssuchend auch bei ihnen nicht bekannten Menschen. Sie suchen ungewöhnlich viel Nähe und können angemessene Nähe bzw. Distanz schlecht einschätzen. Hierdurch zeigt sich mitunter ein aufdringlich oder distanzlos wirkendes Verhalten. In der frühen Kindheit findet sich dann eher ein wahlloses sowie stark aufmerksamkeitssuchendes oder übermäßig freundliches Verhalten.
Darüber hinaus zeigen sich Bindungsstörungen oft auch in anderen Bereichen, bspw. in Form von Problemen im Kindergarten, starken Wutausbrüchen, Misstrauen, geringem Selbstwertgefühl und/oder Schwierigkeiten im Umgang mit Regeln und Grenzen. Manche Kinder zeigen auch keine Freude oder reagieren kaum auf Gefühle anderer.
Bindungsstörungen sind behandelbar. Mit viel Geduld, zuverlässigen Bezugspersonen und therapeutischer Unterstützung können Kinder lernen, gesunde Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu entwickeln. Je früher die Hilfe beginnt, desto besser sind die Chancen auf eine positive Entwicklung. Bindungssicherheit entsteht durch wiederholte, verlässliche Erfahrungen – und diese können auch nach schwierigen Anfängen noch möglich sein.
Die Behandlung von Bindungsstörungen setzt sich aus verschiedenen Therapiebausteinen zusammen, die auf die individuelle Problematik zugeschnitten und aufeinander abgestimmt sind. Ebenso wichtig wie die Behandlung des kindlichen Beziehungsverhaltens ist die Förderung der Eltern-Kind-Interaktion einzustufen. In Einzelfällen, z.B. bei einer vorliegenden psychischen Erkrankung oder einer Beziehungsproblematik der Bezugsperson, kommt die psychotherapeutische Behandlung des Erwachsenen hinzu.
Den Ausgangspunkt der Behandlung einer Bindungsstörung stellt die ausführliche Informationen der Bezugspersonen dar, und zwar über
- die Bindungs-Problematik,
- deren Entstehung und Aufrechterhaltung,
- das menschliche Bindungssystem sowie
- kindliche Bedürfnisse und darauf abgestimmtes Elternverhalten.
Im weiteren Verlauf gilt es, problematische Situationen gemeinsam mit den Eltern zu beleuchten, die vom Kind geäußerten Emotionen ebenso wie die dazugehörigen Bedürfnisse zu verstehen sowie hilfreiche Bewältigungsstrategien mit den Bezugspersonen zu erarbeiten und regelmäßig zu erproben. Dabei spielen einerseits die Förderung von positiven Interaktionsketten, andererseits – bei kindlichem Problemverhalten – auch Verhaltensunterbrechungen oder Grenzsetzungen bei weiterhin stabil positivem elterlichem Beziehungsangebot eine große Rolle. Das vom Kind gezeigte Verhalten löst nicht selten starke Emotionen bei den Eltern aus oder aktiviert eigene frühere Bindungserfahrungen, was ebenfalls Bestandteil der Therapie sein sollte. Bei der ressourcenstärkenden, bindungsorientierten Eltern-Kind-Therapie hat sich der Einsatz von Videoaufzeichnungen als besonders hilfreich erwiesen und kommt – auf Wunsch – auch in der Juno Tagesklinik zum Einsatz.
In Abhängigkeit von Alter und vorliegender kindlicher Symptomatik finden verschiedene einzel- und gruppen(psycho)therapeutische kindbezogene Verfahren Anwendung.