Regulationsstörungen

Blindtext

Viele Eltern von Säuglingen oder Kleinkindern im Alter bis zu 3 Jahren erleben das Verhalten ihres Kindes in bestimmten Situationen des Alltags als schwierig und empfinden den Umgang damit als große Herausforderung oder auch als Überforderung. Am häufigsten werden Probleme durch exzessives Schreien, Schlaf- und Fütterstörungen genannt. Mit Blick auf die Entwicklung dieser jungen Kinder besteht in vielen Fällen eine noch nicht ausreichend ausgereifte oder gestörte „Regulationsfähigkeit“ des Kindes.

Unter der Regulationsfähigkeit wird eine notwendige Fähigkeit des Kindes verstanden, sich selbst oder unterstützt durch die unmittelbare Umgebung (Eltern/Bezugspersonen) in einen „zufriedenen“, also „gut versorgten“ Zustand zu verhelfen. Grundbedürfnisse von Ernährung, Wärme, körperlichem Wohlbefinden, aber auch das Erleben von Nähe zu vertrauten Bezugs­personen können dabei als Basis für jede weitere Entwicklung gelten.

Weinen („Schreien“) stellt eine für jeden Säugling notwendige Art der Kommunikation mit der Umgebung und insbesondere seinen Eltern dar. Der Anlass und die Botschaft, das Bedürfnis des Kindes, können dabei sehr unterschiedlich sein.

Neben einem angemessenen und in der Situation für die Bezugspersonen unmittelbar verständlichen Weinen gibt es auch Kinder, die durch wiederholtes, anhaltendes, teils als exzessiv zu beschreibendes Weinen auffallen. Für die Eltern, die Bezugspersonen, bestehen dann möglicherweise unklare, stressreiche und dadurch sehr anstrengende Situationen im Leben mit ihrem Kind.

Als Orientierung kann die sogenannte "Wessel-Regel" genutzt werden, die beschreibt, dass unstillbare Schrei- oder Unruheepisoden mit mehr als 3 Stunden Dauer pro Tag, an mindestens 3 Tagen pro Woche und anhaltend über einen Zeitraum von mindestens 3 Wochen als Hinweis gelten können, sich Beratung und Unterstützung durch Fachpersonen zu suchen. Über diese Regel hinaus kommt der subjektiv empfundenen Belastung der Eltern eine entscheidende Bedeutung zu. Exzessives Schreien tritt nicht selten zusammen mit kindlichen Schlafstörungen auf und kann bei den Bezugspersonen bspw. zu einem chronischen Erschöpfungszustand aufgrund der Störungen des eigenen Schlafes, zu Stimmungsveränderungen mit Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Ängsten, zu ausgeprägter Hilflosigkeit angesichts vieler gescheiterter Bewältigungsversuche sowie zu Paarkonflikten führen.

Unabhängig von solchen Angaben zu Häufigkeiten oder Zeiträumen sollten weitere Umstände Beachtung finden: Gibt es körperliche oder seelische Belastungsfaktoren bei den Eltern? Gab es möglicherweise bereits in der Schwangerschaft oder rund um die Geburt außergewöhnliche, anstrengende oder belastende Ereignisse, medizinische Befunde/Komplikationen, Ängste oder Unsicherheiten? Welches Gefühl habe ich als Mutter, als Vater im Umgang mit meinem Kind für unsere Verbindung, unsere Interaktion und Kommunikation? Auch diese Faktoren besitzen eine große Bedeutung für die Entwicklung einer gesunden Fähigkeit zur Regulation auf Seiten des Kindes.

Zu den Regulationsstörungen gehören das exzessive Schreien, Schlafstörungen sowie Fütterstörungen, die im Folgenden näher beschrieben werden.

Exzessives Schreien kann an anfallsartigen und ohne erkennbaren Auslöser auftretenden Schrei- und Unruheepisoden in den ersten sechs Lebensmonaten erkennbar werden. Die Kinder scheinen während der Schreiattacken kaum getröstet werden zu können, ihre Haltung ist meist sehr stark angespannt mit geballten Fäusten, angezogenen Beinen und überstrecktem Rücken, der Bauch kann gebläht und hart erscheinen und das Kind hat ein stark gerötetes Gesicht. Solche Schreiattacken treten gehäuft in den frühen Abendstunden auf. Es ergibt sich dadurch nicht selten eine deutliche Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus mit kurzen Tagschlafphasen (häufig weniger als 30 Minuten), Einschlafproblemen und einer verminderten Gesamtschlafzeit.

Auch jenseits des Säuglingsalters kann bei Kleinstkindern und älteren Kleinkindern exzessives Schreien auftreten und ein Hinweis auf eine eingeschränkte Regulationsfähigkeit, Frustrationstoleranz oder aber auch ein tieferliegendes Leiden wie bspw. eine Angsterkrankung, kindliche Depression oder tiefgreifende Entwicklungsstörung sein.

Schlafstörungen zeigen sich in verschiedenen Lebensaltern unterschiedlich und lassen sich kaum allgemeingültig für jedes Alter definieren. Im frühen Säuglingsalter ist wiederholtes, kurzes nächtliches Erwachen ganz typisch und kommt bei ungestörter Entwicklung des Kindes vor. Bei Säuglingen und auch Kleinkindern können verschiedene Auffälligkeiten jedoch Hinweise auf das Vorliegen einer Ein- oder Durchschlafstörung sein, wenn sie über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen auftreten:

  • eine Einschlafdauer von länger als 30 Minuten,
  • nächtliches Aufwachen von meist mehr als 20 Minuten,
  • mindestens dreimaliges nächtliches Aufwachen in mehr als drei Nächten pro Woche ohne selbstständiges Wiedereinschlafen,
  • eine generelle Störung der Zufriedenheit („Wachheit“) des Kindes am Tag.

Unabhängig von diagnostischen Klassifikationen kann festgehalten werden, dass ein behandlungsbedürftiges Problem vorliegt, wenn bei den Bezugspersonen eine Überlastung besteht.

Fütterstörungen sind als vorübergehende Probleme im Säuglingsalter nicht selten und für sehr junge Kinder schwierig, in eine allgemeingültige Definition zu fassen. Im Einzelfall können Eltern sich bei Sorge um eine Fütterstörung ihres Kindes an geeignete Fachpersonen wenden (Hebamme, Kinderärztin/-arzt). Bei Kindern ab einem Alter von drei Monaten kann ein Hinweis auf eine Fütterstörung sein, dass ein einzelnes Füttern mehr als 45 Minuten dauert und/oder die Abstände zwischen Mahlzeiten weniger als 2 Stunden betragen. In jedem Fall sollte eine ärztliche Abklärung erfolgen, wenn ein Kind unzureichend gedeiht und nicht ausreichend an Gewicht zunimmt, wenn das Kind sehr deutliche Unlust auf Essen oder gar Nahrungsverweigerung zeigt, wenn ein sehr wählerisches Essverhalten zu beobachten ist, ebenso bei Kau-, Saug- oder Schluckproblemen sowie bei Hochwürgen oder Wiederausspucken von Nahrung.

Vorübergehende Fütterstörungen sind tatsächlich nicht selten und verlieren sich sodann ohne größere Interventionen. Bei problematischen Füttersituationen über mehr als 4 Wochen sollte eine fachliche Beratung und Abklärung gesucht werden. Dabei sollte die Untersuchung mögliche körperliche Ursachen ebenso einbeziehen wie auch psychische Ursachen bspw. Ängste, eine Appetitminderung aufgrund einer depressiven Symptomatik oder auch eine psychische Entwicklungsstörung.

Exzessives Schreien, Schlaf- oder Fütterstörungen lösen einen immensen Leidensdruck bei den Eltern aus. Neben der körperlichen Erschöpfung durch die Dauerbelastung und ggf. durch den Schlafentzug kommt es bei vielen Eltern zu Hilflosigkeitserleben, da all die verschiedenen Versuche zur Problemlösung ins Leere gelaufen sind. Gedanken, es „nicht richtig“ zu machen, das eigene Kind nicht beruhigen oder ernähren zu können, gepaart mit Scham- und Schuldgefühlen prägen oftmals den Alltag der betroffenen Eltern. Ziel unserer Behandlung ist es daher, neue Ansatzpunkte für eine Veränderung gemeinsam zu erarbeiten und zu erproben, so dass durch zunehmendes Selbstwirksamkeitserleben die chronische Stressbelastung abgebaut werden kann.

Regulationsstörungen des Kindes weisen aber auch eine große Bedeutung für die Eltern-Kind-Interaktion auf. Neben einer gründlichen Untersuchung des Kindes (Wachstum, Organerkrankungen, Entwicklung) kommt der Beobachtung dieser Interaktion eine herausragende Bedeutung zu. Dies geschieht in der Arbeit unserer Tagesklinik durch Beobachtung während verschiedener Alltagssituationen, aber auch durch den Blick auf Videoaufzeichnungen von den Eltern gewählter typischer „Problemsituationen“.

Der Blick auf diese Interaktion zeigt mit Beginn einer therapeutischen Arbeit häufig unterschiedliche Wahrnehmungen zwischen Eltern und den Unterstützenden von außen. Nicht selten ist der elterliche Blick defizitorientiert auf die vermeintlichen Fehler ausgerichtet. Daher ist es uns ein wichtiges Anliegen, mit den Eltern ressourcenorientiert zu arbeiten und eine Behandlungsatmosphäre „auf Augenhöhe“ zu schaffen.