Keine Freude mehr: Depressionen

Gedrückte Stimmung, Freudlosigkeit, Erschöpfung, Lust- und Antriebslosigkeit – jeder kennt zeitweilige Verstimmungszustände. Was aber, wenn sich die Stimmung nicht wieder bessert oder so schlecht wird, dass alltägliche Anforderungen nicht mehr erfüllt werden können?

In diesem Fall sprechen wir von dem vielschichtigen Krankheitsbild der Depression. Laut Bundesgesundheits-Survey leidet jeder fünfte Deutsche im Laufe seines Lebens an einer Depression. Damit ist die Depression die häufigste psychische Störung.

Depressive Symptome finden sich in allen Verhaltensbereichen – vom Schlaf bis zur Interaktion mit anderen. Im Vordergrund stehen gedrückte Stimmung sowie Verlust an Interesse und Freude. Daneben zeigen sich Veränderungen des Appetits (gesteigert oder verringert) und des Körpergewichts (Abnahme oder Zunahme), des Schlafs (Schlaflosigkeit oder Überschlafen), der Psychomotorik (Unruhe oder Verlangsamung), Müdigkeit und Energieverlust, Gefühle der Wertlosigkeit oder unangemessene Schuldgefühle, Denk-, Konzentrations- und Entscheidungsschwierigkeiten sowie Lebensüberdruss und Suizidgedanken. Wenn diese Symptome erheblich beeinträchtigen, nicht durch einen anderen Krankheitsfaktor bedingt sind und während zwei Wochen fast jeden Tag auftreten, dann sollte nach DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen, 2015) eine depressive Episode diagnostiziert werden.

Die Ursachen der Depression ebenso wie die Mechanismen, die einen depressiven Zustand hervorbringen, sind im Wesentlichen unbekannt. Die statistische Auswertung möglicher Zusammenhänge zeigt, dass Temperamentsfaktoren, frühe Umwelteinflüsse, genetische und physiologische Bedingungen sowie verlaufsbeeinflussende Faktoren eine Rolle spielen. Unter den Temperamentsfaktoren ist insbesondere der Neurotizismus – die Neigung, mit negativen Gefühlen zu reagieren – zu nennen. In der frühen Entwicklung finden sich gehäuft traumatische Erfahrungen, schwerwiegende Lebensereignisse und ungünstige soziale Beziehungen.

Aus Familienstudien lässt sich schließen, dass die Erblichkeit des Depressionsrisikos ca. 30 bis 40 Prozent beträgt, ohne dass Näheres über spezifisch disponierende Gene bekannt wäre. Eine Reihe physiologischer Mechanismen haben sich als auffällig erwiesen – insbesondere die Stresssysteme. Allerdings sind diese Befunde nicht depressionsspezifisch, sondern finden sich auch bei anderen psychischen Störungen.

Unter den verlaufsbeeinflussenden Faktoren sind insbesondere belastende Lebensumstände, aktuelle Lebensereignisse wie Trennung, Misserfolg und Verlust sowie ein ungünstiger Lebensstil zu nennen.

Depressive Störungen sind außerordentlich heterogen – sowohl was ihre Erscheinung als auch was den Grad der Beeinträchtigung und ihren Verlauf betrifft. Manche Depressionen äußern sich in einer einzigen Episode, andere treten im Laufe des Lebens immer wieder episodisch auf, wiederum andere äußern sich in ständiger, nicht mehr abklingender Depressivität.

Leichtere Formen chronischer Depressivität werden als Dysthymie bezeichnet, schwerere als persistierende Episode einer Majoren Depression. Zur genaueren Beschreibung eines depressiven Syndroms werden Schweregrad („leichtgradig“, „mittelgradig“, „schwergradig“) und besondere Merkmale bestimmt. Zu den besonderen Merkmalen zählen Angst, melancholische Merkmale, atypische Merkmale, psychotische Merkmale, motorische Auffälligkeiten (Katatonie), peripartaler Beginn und saisonale Auffälligkeiten. (Näheres findet sich im DSM-5).

Wir behandeln depressive Störungen intensiv, evidenzbasiert und individualisiert. Intensiv bedeutet tägliche Einzelpsychotherapie, ergänzt durch individuell passende Gruppentherapien. Evidenzbasiert bedeutet, dass Verfahren bzw. Methoden zum Einsatz kommen, die sich in empirischen Untersuchungen als nachweislich wirksam erwiesen haben. Der Einsatz dieser Verfahren erfolgt auf der Grundlage eines individuellen, die Besonderheiten der Person berücksichtigenden Störungsmodells, wird unter Einbezug der diagnostischer Befunde mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet und bilden die Basis des persönlichen Behandlungsplans.

Depressionen sind so häufig und so sehr mit anderen psychischen Störungen (aber auch körperlichen Erkrankungen) assoziiert, dass man von einer Art bio-psycho-sozialen (Fehl-)Anpassungsreaktion sprechen kann. Aus unserer Sicht kann jeder depressiv werden, weil jeder unter bestimmten Bedingungen durch Überforderung demoralisiert und hilflos reagieren wird.

Es kommt deshalb darauf an, die individuellen Gegebenheiten und deren Entwicklung in Beziehung zur aktuellen Lebenssituation zu analysieren: 

  • Welche Stärken und Schwächen hat die Person entwickelt?  
  • Über welche Fähigkeiten verfügt der Betroffene bzw. wie setzt er diese ein? 
  • Welche Erwartungen hat der Betroffene an sich und an seine Umwelt? 
  • Welche Bedürfnisse blieben, sind und bleiben (voraussichtlich) unbefriedigt? 
  • Wie versucht die Person, ihre Notlage zu kompensieren?
  • Warum scheiterten die bisherigen Selbsthilfeversuche?

Um aus der Fehlanpassungssituation herauszukommen, sich zu re-orientieren und bessere Bewältigungsstrategien zu entwickeln, sind u. a. die folgenden Methoden hilfreich:

  • Re-Orientierung:  Wenn der Betroffene versteht, warum er überfordert reagiert hat, dann kann sich Vieles zum Guten verändern. Er gewinnt an (kognitiver) Kontrolle zurück; er beginnt, seine Demoralisierung zu überwinden; und er entwickelt wieder Hoffnung dank des Ausblicks auf einen gangbaren Weg. Wissen ist Macht – selbst wenn man sich in einem schlechten Zustand befindet. 
  • Aktivitätsaufbau: Passivität, Inaktivität und Resignation stabilisieren das depressive Muster. Es ist deshalb unerlässlich, wieder aktiv zu werden und sich selbst zu beweisen, dass man über Fähigkeiten verfügt. Von besonderer Bedeutung ist dabei, dass positive Gefühle meist im Rahmen positiver Aktivitäten auftreten. 
  • (Meta-)Kognitive Therapie und Achtsamkeit:  Unser Verhalten wird durch unbewusste, automatische Interpretationsprozesse bestimmt. Um ungünstiges Verhalten therapeutisch zu verändern, ist es deshalb wichtig, diese Muster zu erkennen und aktiv zu verändern. Man kann nicht verhindern, dass sich negative, unangenehme Gedanken ins Bewusstsein drängen. Man kann aber – meta-kognitiv – erkennen, dass diese Gedanken nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen – und lernen, diese Gedanken ziehen zu lassen. Gedanken sind keine Handlungen. Nicht meine Gedanken, sondern ich entscheide, was ich tue. 
  • Training effektiver Bewältigungsfähigkeiten:  Dieses Therapieprinzip betrifft alle Fertigkeiten, die dem Betroffenen helfen können, seine Situation zu verbessern. Von besonderer Bedeutung sind dabei soziale, interaktionelle und kommunikative Fähigkeiten, da diese in besonderem Maße Zutrauen, Sicherheit und Kontrolle ermöglichen. Wer sich verstanden, angenommen und geborgen fühlt, dessen Ängste und Nöte werden schnell nachlassen. 
  • Anti-depressive Lebensführung: Die moderne Depressionsbehandlung zielt über die Besserung der aktuellen Beschwerden hinaus. Denn die Restsymptomatik und das Rückfallrisiko sollten ebenfalls beeinflusst werden. Zu diesem Zweck ist es hilfreich, sich selbst „neu zu erfinden“ – und zwar in allen Lebensbereichen: von der Art der Beziehungsgestaltung über eine neu definierte „Work-Life-Balance“ bis zu Ernährung und Sport. 
  • Medikamente:Beim Vorliegen „melancholischer“, d. h. körperlicher Depressionssymptome oder einer langen Vorgeschichte mit gehäuften depressiven Phasen ist eine Behandlung mir antidepressiven Medikamenten empfehlenswert. Zu diesen zählen neben den so genannten Antidepressiva auch Stimmungsstabilisatoren.

Wir verstehen chronische Depression als Resultat bindungstraumatischer und negativer lernpsychologischer Erfahrungen. Geprägt durch frühe Verluste, emotionale Vernachlässigung, Misshandlung oder Missbrauch, erwartet der chronisch Depressive nichts Gutes von seiner sozialen Umwelt. Folglich sind Betroffene eher von der Umwelt kognitiv und emotional abgekoppelt, d.h. sie haben Schwierigkeiten, das Verhalten anderer Menschen zu verstehen, Zusammenhänge zwischen ihrem eigenen Verhalten und den Reaktionen anderer wahrzunehmen sowie sich zugehörig zu fühlen. Infolge dieser durchgreifenden „perzeptuellen Abkopplung“ und überschießender negativer Gefühle ist soziales Lernen bzw. sind korrigierende emotionale Erfahrungen nahezu ausgeschlossen. Es geht deshalb darum, dem Patienten in der therapeutischen Dyade Sicherheit zu vermitteln und ihn zur Differenzierung und Korrektur seines Interaktionsverhaltens anzuleiten.

Mit dem „Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy“ entwickelte J.P. McCullough einen Therapieansatz speziell für chronisch depressive Patienten, der dazu dienen soll, die oftmals erlebten Gefühle von Hilflosigkeit und Ineffektivität in sozialen Situationen zu überwinden. Von McCullough ausgebildet und trainiert, haben wir in der EOS-Klinik einen Behandlungsschwerpunkt für diese Patientengruppe mit täglicher Einzelpsychotherapie und individuell passenden Gruppenpsychotherapien geschaffen. In der Behandlung gilt es, auf einzelne soziale Problemsituationen zu fokussieren und sich mit den eigenen Denk- und Verhaltensweisen sowie deren Konsequenzen auseinanderzusetzen. Sich neue – bedürfnisorientierte – Ziele setzend sollen Patienten in übenden Verfahren proaktives Verhalten lernen, das ihnen ermöglicht, diese Ziele zu erreichen, Handlungsstärke und Selbstwirksamkeit zu erleben und alte Gefühle von Hilflosigkeit und Isolation zu bewältigen.


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