Alexianer-Duo Dr. Tillmann Ruland und Celina Götze informierte beim Alex-Talk über Zwangserkrankungen:
Angstauslösende Gedanken, eine hohe Anspannung oder auch Fehlvorstellungen in der situativen Bewertung: Menschen mit Zwangserkrankungen veranlasst oft eine ganze Reihe von unglücklichen Verkettungen zum ständigen und zwanghaften Wiederholen von Handlungen oder Gedanken.
Ob ständiges Kontrollieren, penibles Sortieren, übertriebenes Hände waschen, wiederkehrende Gedanken oder auch die an sich zwanghafte Persönlichkeitsstruktur – die Formen der Erkrankungen sind genau so vielfältig und verschieden wie die Menschen selbst.
„Häufig ertragen Betroffene ihren sehr hohen Leidensdruck bis zu sieben Jahre, bevor sie sich gezielte Hilfe holen“, berichtete Dr. Tillmann Ruland beim jüngsten AlexTalk. Und oft sei es auch eben eine Krankheit, die sich viel im Verborgenen abspiele und daher für Außenstehende eher unauffällig sei. Gemeinsam mit seiner Alexianer-Kollegin Celina Götze (Pflegefachverantwortliche) erläuterte der Leitende Oberarzt des Alexianer-Krankenhauses Münster die verschiedenen Facetten und Behandlungsmöglichkeiten der Erkrankung.
Fast immer versuche das Umfeld den Betroffenen mit gutgemeinten Ratschlägen zu helfen, ohne zu wissen, in welcher Zwickmühle sich diese befänden. „Denn grundsätzlich beschert die Zwangshandlung ihnen erst einmal Erleichterung in ihrer akuten Situation, doch genau diese Art der Belohnung im Gehirn sei zugleich das Fatale, da sie den Zwang nur weiter verstärke“, beschrieb Ruland.
Celina Götze, die Patient*innen im Klinikalltag begleitet, erläuterte, wie dieser Kreislauf unterbrochen werden kann: „In der vier- bis sechswöchigen Therapie versuchen wir zunächst herauszufinden, wo das eigentliche Problem der Zwangshandlung verortet ist und welche verborgene Emotion dahintersteckt“.
Sofern sich der Patient dann aktiv dafür entscheide, begebe man sich mit ihm nach gründlicher Vorbereitung in einem weiteren Schritt bewusst in die konkrete Zwangssituation. „Ziel dieser Exposition ist letztlich das Ausharren in der Anspannung bis zu ihrem höchsten Punkt und der anschließenden Wiederabnahme“. Dieses gemeinsame Üben unter professionellem Reaktionsmanagement und ständiger Reflexion werde dann nach und nach wiederholt und so erlerne der Patient am Ende: „Ich entscheide mich, die mit seinem Zwang einhergehende Anspannung auszuhalten und weiter zu reduzieren!“
Dass neben den Betroffenen selbst auch Angehörige stark mitleiden, unterstrichen die anschließenden Publikumsfragen: „Für Angehörige ist das Zusammenleben eine große Herausforderung und sie werden oft Teil des Systems“, erklärte das Expertenduo und empfahl: „Ermuntern Sie die Betroffenen immer wieder zur Annahme von Hilfe, denn jede Handlung gegen den Zwang ist ein absoluter Erfolg“.