Eines wurde beim jüngsten AlexTalk zum Thema „AD(H)S“ immer wieder deutlich: Menschen, die von der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung betroffen sind, haben es auf der einen Seite häufig schwerer, mit ihrer Umwelt zurecht zu kommen, verfügen aber andererseits oft auch über besondere Stärken.
Und so beeindruckte gleich zu Beginn des Live-Vortrages im übervollen Foyer der Raphaelsklinik die lange Liste mit bekannten Namen wie Albert Einstein, Dr. Eckhart Hirschhausen, Heidi Klum, Will Smith, Jim Carrey, Michael Jordan, Michael Phelps oder auch Bill Gates, die laut Chefärztin Dr. Doris Sewing als bekannte AD(H)S-Betroffene in Wissenschaft, Unterhaltung, Sport oder unternehmerisch sehr erfolgreich wirkten.
„Hieran sehen Sie auch, wie entscheidend es für die eigene persönliche Laufbahn bei Menschen mit AD(H)S ist, dass sie ihre ganz eigene Nische für einen erfolgreichen Lebensweg finden“, betonte die EOS-Klinikchefin.
Sehr anschaulich beschrieb ihr Kollege Thomas Miebach, wann genau man tatsächlich betroffen sei: „Wenn Sie in den Hauptkriterien Aufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität seit dem Kindesalter in ihrem gesamten Lebenskontext und auch mit deutlichem Leidensdruck im Alltag belastet sind, spricht sehr vieles für eine klare Diagnose“.
Gleichwohl gelte es auch, sämtliche Symptome im Hinblick auf andere Störungen wie zum Beispiel Autismus, Angststörungen oder Depressionen stets sorgfältig abzugrenzen oder manchmal auch deren paralleles Vorliegen zu diagnostizieren.
„Viele Betroffene, die sich schon sehr lange quälen, kommen häufig auch mit Depressionen zu uns in die Klinik und erst hierüber stellen wir die Erst-Diagnose einer AD(H)S“, beschrieb Sewing die hohe Anfälligkeit, insbesondere über den mangelnden Selbstwert eine Depression zu entwickeln.
Sehr viel schwieriger sei die eindeutige Diagnose bei Frauen zu stellen, da ihre Symptome nach außen oft weniger auffällig seien: „Frauen haben eine höhere Anpassungsfähigkeit und maskieren ihre Symptomatik viel häufiger.“ Ihre Unaufmerksamkeit stelle sich häufig als Verträumtheit dar und statt hyperaktiv seien sie oft mehr von innerer Unruhe geplagt.
Wertvolle Einblicke in das persönliche Erleben und auch den täglichen Umgang mit AD(H)S gab Peer Hölscher, Inhaber einer Münsteraner Firma für Veranstaltungstechnik.
„Ich bin tatsächlich erst vor zwei Jahren zur Diagnose gekommen und hatte nach der Schule das große Glück, in meinem anfänglichen Hobby und Talent rund um Technik mein berufliches Standbein zu finden“, beschrieb der Chef einer 15-köpfigen Mitarbeiterschaft.
Mit seiner Diagnose habe er auch eine selektive Medikamenteneinnahme für sich erprobt, die je nach Einsatz und Tagesanforderungen mittlerweile sehr gut für ihn „funktioniere“.
„Die Medikamente geben mir Stabilisierung, insbesondere bei schwankender Impulsivität. Damit sind sie für mich eine Hilfe, obwohl ich einer Einnahme anfangs eher skeptisch gegenüberstand“. Auf der Seite der Vorteile seiner AD(H)S in beruflicher Hinsicht nannte Hölscher klar seine Fähigkeit, dass er sehr schnell technische Zusammenhänge erkennen und Probleme lösen könne. „Auch bietet mir mein Job in vielerlei Hinsicht das Ausleben meiner kreativen Züge“.
Eine hohe Reaktionsbereitschaft und schnelles Reagieren gerade unter Druck seien oft kennzeichnet für Betroffene, skizzierte auch Miebach eine der typischen Stärken. „Mit der richtigen Weichenstellung in beruflicher Hinsicht, angepasster Struktur, einem verständnisvollen Umfeld und gutem Wissen um die eigenen Schwachpunkte kann man sehr viele positive Stellschrauben drehen“, betonte der Alexianer-Experte für allen Anwesenden abschließend.
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