"Wir müssen sensibel umdenken!“

28.03.19, Alexianer Münster GmbH

Kinder- und Jugendpsychiater Ahmad Alhzzouri (Alexianer Münster) über interkulturelle Herausforderungen:

„Eine der verheerendsten Auswirkungen eines Traumas ist, dass es häufig den 'Instinkt des Zwecks'  beschädigt, den jeder Mensch in sich trägt“, stellte Ahmad Alhzzouri seinem Vortrag beim jüngsten Alex Talk voran. Und gerade dies widerfahre und belaste besonders Migranten, wenn sie etwa monatelang auf die Zusammenführung mit ihrer Familie warteten oder aufgrund fehlender Arbeitserlaubnis ihrem geliebten Beruf nicht ausüben könnten. „Das lange Warten auf Angehörige oder das Leben mit Duldungsstatuts, aber ohne greifbare Perspektive, machen sie manchmal kränker als die traumatischen Erfahrungen in ihrem Heimatland oder während der Flucht“, betonte Alhzzouri.

Mit viel Herzblut und Verständnis für die Situation der jungen Migranten gab der deutsch-syrische Kinder- und Jugendpsychiater und Pädiater Einblicke in die tägliche kultursensible Arbeit seiner Praxis der Alexianer-Don Bosco Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der er seit gut zwei Jahren auch schwerpunktmäßig Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund behandelt.
Anhand einzelner Studien skizzierte der Jugendpsychiater dabei zunächst die rein körperlichen Auswirkungen, die bei Migranten gehäuft festgestellt wurden. So belege eine britische Studie die Störung in der Dopamin-Freisetzung, ein mitverantwortlicher Faktor für den Antrieb. Ebenso könne eine dauerhafte Stressbelastung zu einer vergrößerten Amygdala führen. Diese fungiere quasi als „Brandmelder“ unseres Körpers und spiele eine wichtige Rolle bei der emotionalen Bewertung und Wiedererkennung möglicher Gefahren. „Bei Menschen, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden oder aufgrund ihrer Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis oder des Wartens auf Familienzusammenführung dauerhaft unter Stress geraten, ist die Aktivität der Amygdala sehr erhöht. Zugleich ist die Aktivität der Hippocampus als zentrale Stelle fürs Lernen – etwa einer neuen Sprache – auf dem niedrigsten Niveau bis sogar ganz ausgeschaltet.“

Anhand einiger Praxisbeispiele aus der Behandlung junger Migranten gab der deutsch-syrische Facharzt Einblicke in das Erleben und Fühlen seiner jungen Patienten und deren Eltern. Er machte dabei deutlich, welche Schlüsselfunktion neben Arbeit und Bildung in der Behandlung auch dem richtigen Verstehen der anderen Kultur, Religion und Spiritualität zukomme.

Natürlich seien viele Hilfen gut gemeint, aber nicht alle immer wirklich hilfreich, um die Menschen tatsächlich gut zu integrieren: „Wie jeder deutsche Bürger, so hat auch jeder Migrant seine ganz eigene Geschichte und seinen eigenen Charakter und manche Migranten passen einfach nicht in das hiesige Hilfesystem“, mahnte der Referent zum stets individuellen Blick. 

Dass der Dialog zwischen den Kulturen aber genauso auch gut gelingen und dann sogar eine neue künstlerische Ebene erreichen kann, zeigte am Ende des Vortrages der arabische Germanist, Lektor und Künstler Iyad Shraim. In seinen Werken setzt er Verse und Texte bekannter deutscher Dichter wie etwa Goethe, Schiller oder Annette von Droste Hülshoff künstlerisch in arabische Kalligraphie um.